
Handlungsfähigkeit statt Schockstarre
Die Neurobiologie der Selbstverteidigung
Meine Selbstverteidigungskurse sind konsequent auf erfolgreiches Handeln in Hochstress-Situationen ausgerichtet. Methodisch verbinde ich dabei fundierte Erkenntnisse der Neurobiologie, Psychologie und Sportwissenschaft. Um zu verstehen, was meine Trainings bewirken, werfen wir einen Blick auf die faszinierenden Vorgänge in unserem Nervensystem.
Wir haben 100 Milliarden Nervenzellen. Hätte jemand pro Nervenzelle einen Euro, könnte er aus 100er Scheinen einen Stapel von Wien bis nach Indien legen. Pro Nervenzelle haben wir dann noch etwa 1000 Verbindungen zu anderen Nervenzellen, sogenannte Synapsen. Das sind 100 Billionen! (eine 1 und vierzehn Nullen)
In den Synapsen wird ein elektrisches Signal aufgenommen, mit einem Neurotransmitter chemisch weitergeleitet und dann wieder in ein elektrisches Signal umgewandelt. Warum diese Umwandlung? (Wäre es nicht viel schneller, über direkten Kontakt das elektrische Signal weiterzuleiten?) – Die Antwort: Wir brauchen Flexibilität. Unser Nervensystem verändert sich jeden Tag. Ständig werden Verbindungen umgebaut. So geschieht Lernen.
Die Gehirnareale
Verschiedene Gehirnareale haben verschiedene Aufgaben. Für unser Training sind drei Areale wichtig:
- die Basalganglien,
- die Amygdala und
- der Nucleus Accumbens.
In den Basalganglien liegt der Vernetzungsschwerpunkt erlernter Bewegungsabläufe.
Die Amygdala ist unser Furcht-Zentrum. Sie aktiviert das Fight-or-Flight-Programm. Sie setzt in Extremsituationen ganz strenge Prioritäten: Herzrate rauf, grobe Skelettmuskulatur auf Maximalleistung, Aussetzen der Verdauung. Feinmotorik und Denkleistung (und damit auch Sprache) sind entwicklungsgeschichtlich jünger und stehen nicht auf der Prioritätenliste dieses alten Programms, das schon bei den frühesten Wirbeltieren existierte. Stottern bei einem Referat oder sich verspielen bei einem Klavierkonzert kommen so zustande. Die Amygdala ist wie ein FI-Schalter, der in weiten Teilen des Gehirns Stromausfall bewirkt. Für uns als Menschen in der zivilisierten Welt ohne erlernte Handlungen bei Gefahrenreizen bedeutet das leider oft Handlungsunfähigkeit („Angststarre“) aufgrund von Überforderung.
Der Nucleus Accumbens ist unser Belohnungszentrum. Er schüttet das berühmte Dopamin aus und kann beispielsweise durch Lob, durch den Anblick von etwas Schönem oder (wie es bei Experimenten gemacht wurde) mit Drogen aktiviert werden. Versuche an Ratten und Menschen zeigten, dass seine Aktivität dazu führt, dass die vorherige neuronale Aktivität gefestigt wird. – Auf Deutsch: Belohnung verstärkt Lernen.
Das Training
Ich bringe diese drei Gehirnareale beim „Stresstest“ zum Zusammenarbeiten. Die Teilnehmerinnen stehen in einer (aus Kästen und Matten aufgebauten) Sackgasse mit geschlossenen Augen mit dem Rücken an der Wand. Ich stelle mich (mit Helm und allen zusätzlich notwendigen Schutzausrüstungsteilen) davor und tippe ihnen auf die Schulter. Das ist das Startsignal. Die Teilnehmerin, die nun auch noch festgehalten wird, öffnet die Augen und kämpft sich frei, um danach zu einer fest definierten Markierung im Turnsaal zu fliehen. (meist eine Matte, etwa eine halbe Turnsaallänge entfernt) Anschließend applaudieren die Zuschauerinnen.
Die Wirkung
Im Fachjargon wird meine Methode „Imprinting“ genannt. („Einbrennen“ von neuronalen Verbindungen) Dabei werden die Teilnehmerinnen körperlich und psychisch so stark gefordert, dass die Amygdala aktiv ist. Durch das Kämpfen während der Amygdala-Aktivität werden starke Verbindungen zu den betreffenden Basalganglien hergestellt. (Hebb'sche Regel: What fires together, wires together.) Da Verbindungen, die unter hohem Druck hergestellt werden, vom Gehirn als überlebenswichtig eingestuft werden (dickere Myelinisierung, mehr und stärkere Synapsen), bleiben diese langfristig relativ gut erhalten. – Kurzer Kurs, nachhaltiger Lerneffekt.
Unmittelbar vor dem Kämpfen ist manchmal ein Zittern der Hände beobachtbar. Adrenalin durchflutet das Blut und die überschüssige Energie „vibriert“. Manchmal kommt es auch während dem Kampf zu einem unwillkürlichen Kreischen. Beides sind Zeichen für die Aktivierung der Amygdala und belegen damit effektives Imprinting.
Nach dem Kampf und der dadurch ermöglichten Flucht applaudieren die Zuschauerinnen. Der Nucleus Accumbens schüttet Dopamin aus und das erlernte Verhalten wird weiter gefestigt.
Sicherheit durch professionelle Arbeit
Um die Teilnehmerinnen nicht zu überfordern, werden sie methodisch gezielt vorbereitet und gecoacht. Basierend auf meinem Lehramtsstudium in Psychologie und Sport sowie einer jahrelangen Spezialisierung auf das Training von Hochstress-Situationen steuere ich die psychische Belastung präzise und individuell, um das Training sicher im Bereich des maximalen Lernerfolges zu halten.
